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Flutkatastrophe 2021 – Wir haben nachgefragt. Eine betroffene Familie berichtet.

Das Hochwasser ist jetzt schon ca. vier Monate her. Starke Regenfälle setzten ganze Städte unter Wasser. Meterhohe Flutwellen überschwemmten Wohnhäuser, Schulen und alles andere, was ihnen in die Quere kam. Wir, die hier wenig bis gar nicht betroffen waren, können uns kaum vorstellen, wie die Menschen diese Tage und Nächte erlebt haben und wie stark und schwerwiegend die Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen auch heute noch sind. Ein bisschen klarer wird dieses Bild, durch den folgenden Bericht einer betroffenen Familie aus Swisttal. Vielen Dank an dieser Stelle nochmal!

Wie sieht der Alltag jetzt aus? Ist er noch wie vorher oder merkt man die Auswirkungen der Flut noch stark?

Vom Alltag sind wir noch sehr weit entfernt.
Wir leben auf einer ständigen Baustelle. Seit etwa 3 Wochen kommen endlich Handwerker zu uns und arbeiten auch fleißig. Bei der Sanierung einer kompletten Etage dauert es aber natürlich sehr lange. Mittlerweile sind viele Wände verputzt, Stromkabel und Wasser neu gelegt. Nächste Woche kommen die neuen Fenster und dann hoffentlich im Dezember der neue Estrich. Wir planen im April mit allem fertig zu sein. Bis dahin leben mein Mann und ich im Kinderzimmer, dieser Raum ist auch mein Büro und unser Wäschezimmer. Alles ziemlich eng. Die Mädchen müssen sich ein Zimmer teilen und sind wenig begeistert. Mein Mann ist mit seinem Schreibtisch bei unserem Sohn eingezogen. Die Waschmaschine steht im kleinen Bad oben. Es geht alles, ist aber sehr anstrengend. 

Die nicht versicherten Nachbarn haben erst jetzt die Anträge für die finanzielle Unterstützung stellen können und fangen auch erst jetzt mit dem Stemmen an. Viele Mieter diskutieren noch mit den Hauseigentümern über die Notwendigkeit der Baumaßnahmen. Einige Straßen sind weiterhin stark beschädigt, Brücken eingerissen und noch nicht repariert. Dies erschwert die täglichen Wege. Zur Schule müssen wir einen Umweg laufen. Die Kinder sollen nicht allein zur Grundschule, da die Gefahren auf dem Schulweg zu groß sind. 

Die größeren Kinder müssen den Schienenersatzverkehr zur Schule nutzen. Die Busse fahren früher, weswegen die Kinder natürlich auch früher aufstehen müssen. Der Schienenersatzverkehr Richtung Bad Münstereifel funktioniert zeitweise gar nicht, so dass die Eltern ihre Kinder mit dem Auto fahren müssen. 

Durch die vielen zerstörten Straßen und Brücken sind die Fahrten erschwert, viele Umleitungen sind eingerichtet und die Straßen sind voll mit Autos.

Die Geschäfte bei uns im Dorf haben wieder geöffnet. Kleidung haben wir in der Vergangenheit hauptsächlich in Euskirchen oder Bad Münstereifel gekauft. Da diese Städte zerstört wurden, müssen wir zum einkaufen weitere Strecken in Kauf nehmen.

Bei jedem Spaziergang wird man an die Flut erinnert, die ersten Häuser wurden bereits abgerissen, einige liegen noch in Trümmern, in den meisten Häusern ist das Erdgeschoss und in jedem Haus der Keller leer und es laufen Bautrockner oder Stemmhammer. 

Es ist schwer das jeden Tag zu ertragen.

Die regelmäßigen Treffen von Vereinen oder Stammtischen in der Dorfkneipe können nicht stattfinden, da auch diese zerstört wurde. Sport kann im Ort nicht mehr stattfinden, beide Turnhallen und der Sportplatz wurden zerstört. Die Nachbardörfer versuchen zu helfen und bieten ihre Turnhallen an. Natürlich muss dann auch ein Transport der Schulkinder oder Vereinskinder organisiert werden.

Auf dem Dorfplatz stehen seit Wochen mehrere Container. Einer mit Dusche und Toilette, einer mit Waschmaschinen und Trocknern. In einem Container ist das freiwillige Helferteam untergebracht. Hier werden noch immer jeden Tag Hilfsanfragen angenommen und an die Helfer verteilt, Handwerker und Gutachter gesucht und vermittelt. Ein Großteil der Arbeit besteht aber im Zuhören und Trösten der Menschen.

Bei der Essensausgabe gleich daneben kommen auch vier Monate nach dem Hochwasser noch tgl. 80 – 100 Menschen um sich warmes Essen zu holen.

• Wie werden Schüler/innen unterrichtet?

Der Unterricht kann normal stattfinden, lediglich zwei Klassenräume wurden zerstört und die Kinder mussten in andere Räume umziehen. Die Grundschule im Nachbarort wurde zerstört. Die Grundschüler teilen sich nun das Gebäude mit der weiterführenden Schule. Dies bedeutet Samstagsunterricht und Homeschooling. Für alle Kinder ist nicht genug Platz da.

• Kann man normal einkaufen gehen? 

Die Geschäfte des täglichen Bedarfs haben größtenteils wieder geöffnet. Einige Geschäfte sind in Containern untergebracht. Nicht alle werden ihre Läden wieder eröffnen. Nach den Einbußen durch die Coronazeit, hat die Flut manchen Geschäftsleuten den Rest gegeben.

• Funktionieren Internet bzw. Strom noch wie vorher?

Das kommt auf die genaue Lage des Hauses an. Es hat die Stromkästen mitgerissen. Die Verteilerhäuschen waren geflutet. Es hat natürlich gedauert das alles zu erneuern. Bei uns ist das Stromnetz seit vielleicht 4 Wochen wieder komplett hergestellt. Im Ahrtal sieht das natürlich noch deutlich schlechter aus.

• Konntet ihr viel von euren Möbeln, Kleidung usw. behalten oder musstet ihr viel neu kaufen? Wenn viel gekauft werden musste, musstet ihr alles selber zahlen?

Wir haben noch während der Flut versucht einiges in Sicherheit zu bringen. Leider haben wir nicht viel retten können, dafür kam das Wasser einfach zu schnell. Zuerst haben wir den „Papierkram“ hochgeschafft. Die Möbel sind alle kaputt, Kleidung und Elektronik ist kaputt. Wir sind versichert und der Schaden ist abgedeckt. Leider sind aber auch alle Erinnerungsstücke weg, die ersetzt auch keine Versicherung. 

 

• Habt ihr jetzt das Gefühl, dass die Flut „vergessen“ wird? Es gab ja erst diesen großen Medienansturm und es war überall in den Nachrichten, aber jetzt hört man eigentlich gar nichts mehr davon.

Das Gefühl kommt schon auf. Viele Menschen haben Geld gespendet und damit ihren Beitrag geleistet, danach endet das Interesse. Es kommen aber auch noch immer freiwillige Helfer, wenn auch deutlich weniger als zu Beginn.

Wir wünschen allen Betroffenen weiterhin viel Kraft beim Wiederaufbau und, dass der Alltag täglich ein Stückchen näher rückt.